Seit 60 Jahren strahlt die Sonne im Schulfoyer am Rodtberg

-Vorabveröffentlichung-

In Nummer 25 der Epistula vom Frühjahr 1962 ist zu lesen, dass mit der neuen Schule am Südhang des Rodtberges das Gymnasium nun „zum fünften Mal in dreieinhalb Jahrhunderten seines Bestehens ein neues Haus erhalten“ habe. Der von 1876 bis 1879 in der Südanlage erbaute repräsentative Gebäudetyp am Innenstadtring (das heutige Hugo-von-Ritgen-Haus der THM für Bauwesen in der Südanlage 6) war nach 80 Jahren zu eng geworden und der Entwurf für den Neubau wurde im August 1958 genehmigt und das gesamte Vorhaben bereits nach zweieinhalbjähriger Bauzeit abgeschlossen. Von 15.000 qm Grundfläche wurden 3.200 qm Raum bebaut und die Gesamtkosten beliefen sich auf 2,6 Millionen DM, was mit rund 90 DM für den umbauten Kubikmeter auch damals ein äußerst niedriger Preis war und weit unter dem Durchschnitt vergleichbarer Bauten lag.

„Bei der Architektur aller Gebäude“, so ist in der Epistula vom 15. Februar 1962 zu lesen, wurde „davon ausgegangen, daß die Form der inneren Funktion entsprechen soll“ und diese Auffassung „über die Funktion hinaus, auch von sich aus auf den späteren Ablauf des Schulgeschehens Einfluss“ nehmen sollte. Eine treffende Beschreibung für die Architekturideale der damaligen Zeit, die man im Neubaugebiet am Rodtberg verwirklicht sah, wo sich in Gießen erstmals die Möglichkeit geboten hat, eine Schule wirklich großräumig zu gestalten und organisch in das Siedlungsgebiet einzufügen. Der damalige Oberbürgermeister Osswald erinnerte in seiner Ansprache zur Übergabe des Gebäudes am 15. Dezember 1961 an die gemeinsamen Wurzeln der Universität und des Gymnasiums durch den Landgrafen Ludwig und hob den Schulbau als wesentlich für die „Wohnstadt am Rodtberg“ hervor, in der bereits andere Gemeinschaftseinrichtungen wie eine Volksschule, eine Kirche sowie Spiel- und Sportflächen entstanden waren. 

„Die funktionalistische Architektur erinnert stark an den Bauhaus-Stil der Neuen Sachlichkeit der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts“, so Julia Schmidt (Abitur 2002) in ihrem Text für die Festschrift zum 400 Jahrjubiläum des Gymnasiums im Jahr 2005. Die Autorin, heute Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt, schreibt weiter: „Der Schulbau griff zunächst die durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochene architektonische Entwicklung auf und knüpfte gewissermaßen an die Tradition der Moderne an.“ Es folgt ihre eindringliche Architekturbeschreibung, die sowohl die streng modularisierte Raumgliederung als auch die sichtbaren Pfeilerkonstruktion (Pilotis) würdigt und deren historische Veränderung beschreibt: „Ein Umbau 1981 führte dazu, dass die kunstvolle Gestaltung […] zu Gunsten eines Aufenthaltsraumes im Untergeschoss aufgegeben wurde. An dieser Schmalseite, die durch ein Mosaik von Bernhard Krimmel aus Darmstadt geschmückt wird, ersetzte eine dreieckige Säulenkonstruktion das stützende Untergeschoss (Abbildung 2). Dieser Gebäudeteil schien gewissermaßen über dem Boden zu schweben und erinnert zusammen mit der modulartigen Architektur des gesamten Gebäudes stark an die Bauten Le Corbusiers. […] Es ist zu bedauern, dass die Raumsituation aus Platzgründen aufgegeben wurde.“

Blick (von der Turnhalle her) auf Haus B mit den Pilotis (für den heutigen Oberstufenraum verschwunden).

Sonnenmosaik im Foyer des Verwaltungstraktes

Das Schulgebäude vom Westen her mit dem angrenzenden Blumenviertel um 1962.

Die 1950er und 60er Jahre waren eine Hoch-Zeit des Bauens im kriegszerstörten Deutschland. Vor allem bei öffentlichen Einrichtungen gehörte damals ganz selbstverständlich Kunst am Bau dazu. Dahinter steckte anfangs auch der soziale Gedanke, Künstlern ein Auskommen zu sichern.

Der junge Künstler Bernd Krimmel (1926 – 2020) aus Darmstadt wurde beauftragt, drei Großmosaike für die neuen Schulgebäude zu entwerfen und auszuführen. Darüber hinaus wurde er mit der künstlerischen Beratung bezüglich der Gestaltung, Auswahl von Materialien und der Farbgebung für die Ausstattung der Schule beauftragt. Krimmel war zu dieser Zeit einer der meistbeschäftigten Kunst-am-Bau-Künstler in Hessen. Einige Arbeiten sind figurativ gehalten, andere grafisch-abstrakt. Oft hat er Aufgabe und Funktion des jeweiligen Gebäudes in seine Gestaltung thematisch einfließen lassen.

Für die beiden entgegengesetzten Außenseiten des Neubaus am Rodtberg konzipierte er zwei Wandbilder. Die Ausführung des Mosaiks an der Hochwand erfolgte im November 1960 und die für das Relief am Flachbau, was leider nicht erhalten ist, im Frühjahr 1961. „Die Betonflächen der Giebelwände sind durch Einlagen in die Schalung reliefartig gegliedert. Die tiefer liegenden Formen und Linien sind durch Mosaik ausgelegt. Grazile, von den zentralen Mosaiken ausgehende Strahlen beherrschen das ornamentale Gleichgewicht“, so formulierte es Krimmel im Exposé zu seinem Entwurf. Er gehörte zu der Generation, die in den letzten Kriegsmonaten als Jugendliche eingezogen wurden. Nach Kriegsende holte er das Abitur nach und nahm im Herbst 1945 das Architekturstudium auf. Krimmel beteiligte sich erfolgreich an den Nachkriegsausstellungen in Darmstadt, übernahm 1955 den Vorsitz der Neuen Darmstädter Sezession, wurde 1965 Kunstreferent der Stadt Darmstadt und wurde ab 1975 zusätzlich als Direktor des Instituts Mathildenhöhe berufen.

Genau vor 60 Jahren war das Fußbodenmosaik mit der ausstrahlenden Sonne im Foyer des Verwaltungstraktes bereits abgeschlossen, jedoch gar nicht als Entwurf des Künstlers überliefert oder bekannt. Erst durch das Werkverzeichnis, das Krimmels Sohn Tobias nach jahrelanger Recherche im Jahr 2019 vorgelegt hat und in dem die Sonne irrtümlich als Fußbodengestaltung für das Finanzministerium in Wiesbaden verzeichnet war, konnte die Arbeit wieder richtig zugeordnet werden. So hat der Künstler noch kurz vor seinem Tod im Dezember 2020 davon erfahren, dass die zerstört geglaubte Arbeit noch im Foyer der Schule erhalten ist. „Das Sonnenbildnis“, so Tobias Krimmel, sei von seinem Vater „als positives und heiteres Willkommensstrahlen für die Kinder als bewusster Kontrapunkt zu seiner eigenen, düsteren und leidvollen Schulzeit im Nationalsozialismus gedacht.“

Vor diesem Hintergrund ist das Bodenmosaik auch nach 60 Jahren immer noch ein Zeichen für Optimismus und Heiterkeit, die von der Pluralität einer Gesellschaft ausgeht und für die insbesondere die Schule eine überaus wichtige Verantwortung trägt.

Nun haben in diesem Jahr, in dem sich das Jubiläum des Schulgebäudes am Rodtberg zum sechzigsten Mal jährt, erneut Bauarbeiten begonnen weil man den wachsenden Schülerzahlen Rechnung tragen möchte. Bereits 2020 hat man mit der Aufstockung einer Bibliothek auf dem naturwissenschaftlichen Trakt (Einweihung des Neubaus im März 1994) begonnen, um das Raumangebot auch um einen Veranstaltungsraum mittlerer Größe zu erweitern.

 

Dagmar Klein hat in der Gießener Allgemeinen Zeitung am 24.12.2019 über „Kunst am Bau in Gießen“ berichtet und am 16.01.2021 über die Arbeiten von Bernd Krimmel.

Redaktion

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